Mittwoch, 05.12.2012

Baby on Board

Seit dieser Woche bin ich fertig mit der Allgemeinchirurgie und wechsle mit hohen Erwartungen in die Gynäkologie und Geburtshilfe. Meine Erwartungen erfüllen sich in hohem Maße. Zu detailliert kann ich an dieser Stelle auf meine Erfahrungen nicht eingehen, nur so viel es ist glitschig…

Im OP kann ich bei Kaiserschnitten assistieren. Mehrmals werde ich angesprochen ob ich vorhabe auch mal selber einen durchzuführen. Ob ich das will weiss ich aber noch nicht so genau. Vorläufiges Highlight sind die Tage im Kreissaal. Auf zehn Kabinen verteilt liegen dort tansanische Frauen aufgereiht, Massenproduktion Tanzanian style. Beim auf und ab Gehen des Saals sieht man die Stadien der Geburt im Zeitraffer vorbeiziehen. Blasensprung, Austreibungsperiode, Nachgeburt, Dammnaht, nächster bitte. Ich beobachte das Treiben zunächst mit gebührendem Sicherheitsabstand. Einige Geburten später spricht mich die Hebamme unvermittelt an: „Mzungu, put your gloves on“. Eher ich mich versehe stehe ich vor einer kreisenden Afrikanerin. In meinem Kopf rotiert es, ich versuche alles, was ich aus Büchern über die Geburt gelernt habe zu rekapitulieren, stille Panik macht sich breit. Mit gebrochenem Swahili versuche ich beruhigend auf die Mutter einzuwirken, die sich mit schmerzverzerrtem Gesicht durch die Wehen quält. Dann erscheint der Kopf. Eher ich mich versehe halte ich mein erstes entbundenes Kind in den Händen. Ich schneide die Nabelschnur durch und höre die Schreie des kleinen Bündels neuen Lebens während ich das Kind der Mutter präsentiere. Wellen der Euphorie überkommen mich. Mein Endorphin- und Stresshormonpegel steht unter der Decke. Heute ist ein guter Tag 

Mittwoch, 14.11.2012

Africa is Magic

Afrika zieht mich in den Bann. Das Licht und die Weite der Serengeti mit ihrem unzählbaren Reichtum an Tieren versetzt meinen Verstand in einen angenehmen Dauerrausch. Am Ngorongoro Krater bestaune ich ein einzigartiges Naturwunder. Ich zweifle am Darwinismus und stelle mir vor, dass nur ein Creator diese unendliche Schönheit der Natur und ihre Bewohner geschaffen haben kann. Wir beobachten Löwen auf der Pirsch nach versprengten Zebras und Gnus. Hyänen die gierig um die Beute zweier Raubkatzen streunen. Geparden liegen faul in der Sonne und lassen sich bereitwillig von dutzenden Touristen bei ihrer Siesta ablichten. In der Nacht fürchten wir uns vor Wildtieren um unser Camp. In der Ferne gibt uns die Natur ein buntes Konzert an Lauten. Wir sehen einen überwältigenden Sternenhimmel, ungetrübt durch das Leuchten der Zivilisation in der Nacht. Auf unserem Weg durch die Serengeti formen tausende von Gnus, Zebras und Gazellen einen Konvoi, von einem Horizont zum Anderen, auf der Suche nach Wasser. Ein Wochenende das man nie vergisst. 

Donnerstag, 08.11.2012

Ich liebe den Geruch von Eiter am Morgen

4 Wochen sind um. Ich verlasse die Unfallchirurgie und wende mich der Allgemeinchirurgie zu. Wer meint, dass das nun weniger mit Unfällen zu tun hat irrt gewaltig. Die Allgemeinchirurgie dient neben der üblichen Darm- und Eingeweidechirurgie nämlich auch als Sammelsurium für alle chirurgischen Fachdisziplinen die im Weil Bugando Hospital nicht vertreten sind. Zum Aufwärmen am Morgen gibt es die Schädel-Hirn-Traumata, die netterweise vom kundigen Dr. Gerald, seines Zeichens Autodidakt auf dem Gebiet der Neurochirurgie und wirklich erster seiner Art im Bugando, versorgt werden. Die Visite schwenkt um auf einen Raum voller Kinder mit Brandverletzungen. Der Anblick der zerstörten kleinen Körper mit ihrer nunmehr weißen Haut erinnert mich unweigerlich an die Albinos, die man regelmäßig in der Stadt sieht. Pünktlich zu Mittag startet das septische Zimmer, mit entzündeten Bäuchen, schweren Wundinfektionen und nekrotisierender Faszitis (schaut es lieber nicht nach). Gegen halb zwei bei schwülen Temperaturen erwache ich noch einmal kurz aus meiner Trance. Ein zwölfjähriger Flüchtlingsjunge wird uns präsentiert der vor ein paar Tagen beim Spielen mit einer Granate seine drei Freunde verloren hat. Er selbst ringt sichtlich mit dem Tod. Nach außen versuche ich distanziert und professionell zu wirken, während ich mir mein Entsetzen und Mitgefühl über dieses schreckliche Schicksal wohl für eine andere Gelegenheit aufsparen kann. Stoisch zieht die Visite ihre Bahnen, stundenlang wie eine Herde Gnus und Zebras durch die Serengeti. Ich sehe aus dem Fentser des neunten Stocks in die Ferne des Lack Victorias über die Dächer Mwanzas. Ich vergesse das Krankenhaus und freue mich auf die Safari.

Samstag, 03.11.2012

Ich hätte jetzt gerne….

Maultaschen, Schnitzel, Milchschnitte, Spätzle, Weizenbier, Weißwürste, Air-Condition, funktionierende Wasserhähne, Warmwasser, Toilettenpapier in jedem Klo, ergonomische Möbel, Fernsehen, Dschungelcamp, ein 160cm breites Bett, asphaltierte Straßen, Anschnallgurte, Airbag, öffentliches Verkehrssystem, Aldi, Lidl und zur Not auch Norma, Bücher, Zeitschriften, Bibliotheken, mein Auto, ein zuverlässiges Stromnetz und einen Ausschaltknopf für den Muezzin morgens um halb sechs…. Zumindest haben wir immer Bier

Donnerstag, 18.10.2012

Reizüberflutung

Tansania überflutet mich mit Eindrücken, Erlebnissen und Reizen. All die 1000 Episoden verschwimmen zu einem einzigen großen Ganzen. In den Erinnerungen jagen Elefanten und Nilpferde durch unser Camp und werfen Bäume um. Wir beobachten Krokodile, Giraffen und Vögel während sie sich um unsere Existenz keine Sorgen machen. Wir fahren mit überfüllten Minibussen voll mit 25 Menschen und Gepäck durch die endlosen Weiten Tansanias. Während ich schlafe verscheuche ich Geckos von meinem Körper und frage mich wie viele Kakerlaken wohl in meinem Zimmer hausen. In der Klinik sehe ich millionen von Gesichtern. Im OP verschwimmt alles zwischen Blut und Knochen. Wir fahren Taxi für 1,50 Euro, gehen schick Essen für 5 Euro und bezahlen 100 Dollar für eine Übernachtung im Nationalpark. In den Straßen pulsiert das Leben während die Stadt unter dem Schmutz und Staub der Müllberge ächzt. Ich ziehe meine Bahnen durch einen Swimmingpool dessen Monatskarte mehr kostet als viele hier in zwei Wochen verdienen. Ich bin müde vom Schreiben… 

 

Freitag, 12.10.2012

Menschenfischer

Einer der kleinen Nebensächlichkeiten als Europäer kaukasischer Abstammung im afrikanischen Ausland ist, dass man sofort in jedweder sozialen Situation in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Ein Gang in die Stadt oder auf den Mark geht nicht vonstatten ohne mindestens 100mal von allen Seiten “Mzungu, Mzungu“ nachgerufen zu bekommen (bez. Für Weiße / politisch korrekter geringgradig pigmentierte). Ein ganz besonders Ereignis stellt das Joggen dar. Nun ist es vielleicht schon ungewöhnlich, wenn zwei Mzungu auf den Weg machen und völlig ohne Grund über die Straßen und Wege Mwanzas laufen. Noch getoppt wird das durch auffällige Funktionswäsche, die einem garantiert, dass wirklich ALLE Menschen einen zumindest anstarren wenn man an ihren Hütten und Häuschen vorbeihechelt. Heute hat uns eine Gruppe von Kindern aus dem krankenhausnahen Ghetto, welches zufällig unsere Joggingroute kreuzt fast über die ganze Strecke begleitet, während wir ein wenig  unsere Swahili-Kenntnisse an Ihnen erprobt haben. Völkerverständigung und Fitness in einem, viel zu ökonomisch… Die Menschen nehmen einen sehr herzlich auf, so ging das Joggen nach der Rückkehr direkt in ein Basketballspiel mit einheimischen Mitstudenten über.

Nur fließend Wasser war dann leider am Ende des Tages ausgefallen…aber so ist das Leben nunmal

Montag, 08.10.2012

Hello here I am

5.10.12

20 Stunden Reise, 6 Bier später und 4 Stunden Schlaf auf einem viel zu engen Flugzeugsitz betrete ich in Nairobi zum ersten Mal afrikanischen Boden. Die Müdigkeit und die Hitze zehren schwer an mir und irgendwie versuche ich mich durch die Massen von Passagieren zur Flugübersicht durchzuquetschen. Mein Weiterflug nach Mwanza wurde gestrichen. Ich stecke also erst einmal fest. An der Bar treffe ich einen redseligen Koreaner. Es ist ein typisches Reisegespräch mit all seinen Floskeln und inhaltslosen Aneinanderreihungen von Informationen. „Where are you going“, „where do you come from“, blablabla. Er erzählt mir von seinem Entwicklungshilfeprojekt in Ghana. Wir kommen weiter ins Gespräch, reden über Nord-Südkorea, über Entwicklungshilfe in Afrika, über nicht jugendfreie Themen. Nach 1h trennen sich die Wege wieder. Ich habe bevor ich zu reisen anfing nie Gespräche solcher Art gehabt, mit völlig fremden Menschen stundenlang über alles und sehr viel nichts zu reden. Lost in Transit

Der Mwanza-International Airport kann als das Drehkreuz der Region bezeichnet werden wenn man den Austausch von Wazungus (weißen Menschen) von und nach Mwanza betrachtet. Die Einreise an sich besitzt schon Eventcharakter. Auf dem einsamen Rollfeld angekommen verlässt man das Flugzeug und wandert über den brüchigen Asphalt der Landebahn zu einem baufälligen Gebäude, deren Erbauer bestimmt noch auf das Wilhelminische Kaiserreich rückverfolgt werden können. Durch einen sehr engen Korridor wartet man vor einer dreckigen  Scheibe zusammen mit den anderen Mitreisenden auf die gnädige Ausstellung des Touristenvisums. Bezahlt wird na klar in US-Dollar ;-).  Man kann nach Klärung dieser Formalität direkt zuschauen, wie das Gepäck vom Rollfeld zum Gebäude gefahren wird und nimmt es dann direkt vom Transportwagen entgegen. Früher als Kind habe ich mich immer gefragt, was die wohl am Flughafen hinter diesen Förderbändern machen. In Mwanza ist das ziemlich eindeutig, nix.

8.10.12

Heute war mein erster Tag im Krankenhaus. Was soll ich sagen, Unfallchirurgie in Tansania ist echt ne Nummer für sich. In der großen Visite die jeden Montag stattfindet präsentiert Dr. Dass, der Oberarzt sein Kabinett des Grauens, und das hat es in sich. In 3 Stunden Visite sehe ich Krankheitsbilder die ich in Deutschland noch NIE gesehen habe und größtenteils wahrscheinlich auch nicht mehr sehen werde. Zum Aufwärmen gibt es eine Schusswunde am Oberschenkel eines 15-jährigen. Der Hergang des Schusses bleibt mir unklar. Was jedoch ziemlich klar erkennbar (und riechbar) ist das Ausschussloch an der Innenseite seines Oberschenkels. Fleischiges Muskelgewebe mit schönen grünen Belägen kommt meiner Nase entgegen. Yummi!. Der nächste Patient hat Polio in einem hohen Stadium und unglücklicherweise auch noch einen Fußgelenksbruch. Die Beine erscheinen mir wie dünne Streichholzer. So reihen sich die Schicksale aneinander und während ich so über die dicht gedrängten Betten der 10-Mann Krankensääle mit der Visite schlendere denke ich an High-Resolution CTs, Polytraumamanagement im Schockraum, Fixateur externe, Rettungstransporthubschrauber und totale Hüft-Endoprothesen… alles Dinge die diese Patienten mit Sicherheit nie sehen werden.